Die Covid19-Impfstoffverteilung wird eine logistische Herausforderung für die Pharma-Logistik

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Die Covid19-Impfstoffverteilung wird eine logistische Herausforderung für die Pharma-Logistik

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Mehr als 160 Millionen Impfdosen wären in Deutschland nötig, um ein ganzes Volk gegen das Virus Covid-19 zu immunisieren. Diversen Medienberichten zufolge wird Deutschland bis Ende Januar 2021 mit drei Millionen Impfdosen starten, noch in den letzten Tagen des laufenden Jahres sollen die ersten Impfzentren ihre Arbeit aufnehmen. Die Verteilung und Lagerung des ersten verfügbaren Impfstoffes von Biontech & Pfizer bei -70 Grad wird eine logistische Herausforderung für die Pharma-Logistik. Ein Überblick von Jörg Brinkmann, Geschäftsführer der Hanse Service und Pharmalogisticpartner GmbH.

Die Logistikbranche und insbesondere die Pharma-Logistiker stehen vor großen Herausforderungen. Erste Länder, wie Großbritannien haben bereits damit begonnen, ihre Bevölkerung mit dem neuen Impfstoff gegen das Corona-Virus der Mainzer Pharmafirma Biontech und des US-Konzerns Pfizer zu impfen. Eine Eilgenehmigung machte das möglich. In Europa wird das reguläre Genehmigungsverfahren wohl noch vor den Weihnachtstagen abgeschlossen sein, sodass auch in Deutschland die Impfzentren ihre Arbeit noch zum Jahresende werden aufnehmen können, heißt es von Gesundheitsminister Jens Spahn. Auch andere Pharmahersteller stehen mit ihren Vakzinen in den Startlöchern. Allen gemein ist, dass sie gekühlt transportiert und gelagert werden müssen, von einer Spanne zwischen plus 4 bis minus 70 Grad ist die Rede. Insbesondere die extrem tiefen Temperaturen können auf LKWs und im Flugzeug nur mittels Thermoboxen und Trockeneis erreicht werden. Diese halten die erforderlichen Temperaturen bis zu sechs Tage. Das sind extrem hohe Anforderungen an die Pharma-Logistik – nicht nur was das Zeitmanagement im Hinblick auf Verzögerungen angeht, sondern auch die Anforderungen an Material und MitarbeiterInnen sind sehr hoch.

 

Flächendeckende Impfstoffverteilung – Balanceakt zwischen Transportzeit und -ressourcen sowie Impffrequenz. Auch mittelständische Logistik-Experten stehen bereit und liefern qualifizierte Lösungen. 

Die größte Herausforderung für Pharma-Logistiker wird die unbedingte Gewährleistung der Kühlkette. Die Impfdosen müssen für einen schnellen Start der Immunisierung der Weltbevölkerung zügig von den Herstellungsstandorten in den USA, Europa und anderswo in die Zielländer transportiert werden. In Deutschland erfolgt die Verteilung dann an Umschlagzentren, Lagerhäuser, Impfzentren und später Krankenhäuser und Arztpraxen. Das ist auch deshalb herausfordernd, weil Krankenhäuser und Arztpraxen in der Regel wenig Lagerkapazitäten für diese ultra-niedrigen Temperaturen haben und permanent frisch versorgt werden müssen. Bundesweite Lagerorte, von denen weiter in die Fläche verteilt wird, sind deshalb vonnöten. Wird die Kühlkette durch Hitze oder Verzögerungen im Straßenverkehr unterbrochen, drohen Wirkungsverlust oder gar Nebenwirkungen, heißt es.

Aktuell sind die großen Logistiker mit Pharma-Geschäftszweigen wie DHL, FedEx oder Kühne + Nagel für die Logistik des Impfstoffes im Gespräch. Sie haben große Ressourcen und Spezial Know-how. Wir gehen aber davon aus, dass die Impfstoffverteilung auch für die mittelständischen Betriebe wie Hanse Service relevant werden wird, denn die Ressourcen bei den großen Unternehmen sind nicht unendlich skalierbar. Hier sind wir gefragt, die wir seit Jahrzehnten in der Pharma-Logistik mit Kühltransporten und Kühllagern tätig sind. Als Pharmalogistik-Partner mit jahrzehntelanger Erfahrung mit temperaturgeführten Arzneimitteltransporten bieten wir optimale Lösungen unter Berücksichtigung eines hohen Sicherheitsstandards und Monitorings. Unser Qualitätsmanagement ist auf die AMG, AMWHV und GDP-Guideline abgestimmt, wir verfügen über eine Großhandelserlaubnis nach AMG 52a Abs.1, sowie ein GDP Zertifikat der Behörde. Zur Umsetzung setzen wir auf modernste IT-Technik, Barcode Scanner, Temperaturlager, sowie auf unser langjähriges, geschultes Fachpersonal. Für viele andere Transportunternehmen ist das Neuland. Sie mögen zum Beispiel mit Trockeneis nicht umgehen, weil das Personal – geschult und mit Schutzkleidung ausgestattet – sehr vorsichtig sein muss, um Hautverätzungen oder Erfrierungen zu vermeiden.

 

Zukunftsherausforderungen werden die Akzeptanz und Impfneigungen in der Bevölkerung und damit die komplexe Lager- und Logistikorganisation.

Die Entwicklung der ersten Impfstoffe und deren Spezifika im Hinblick auf die Logistik sind lange bekannt. Wir hätten uns schon in den Sommermonaten die Entwicklung ganzheitlicher Logistikstrategien gewünscht, die jetzt zur Anwendung hätten kommen können. Davon haben wir bisher in der Pharma-Logistik wenig gesehen. Nichtsdestotrotz haben wir als Spezialisten uns bereits Thermoboxen und Kühleiskontingente gesichert, sodass wir für einen schnellen und flexiblen Einsatz vorbereitet sind. Denn als Vertriebspartner der Sonoco Thermoverpackungen, die unter anderem auch für Trockeneissysteme zwischen -20 und -78 Grad geeignet sind, haben wir schnellen Zugang zu Thermoverpackung und Tools der Temperaturüberwachung, wie den Elpro Datenlogger. Immer unter der Prämisse Qualität vor Quantität.

Für Europa gehen wir davon aus, dass die Verteilung in die Fläche mit LKWs vonstattengehen wird. International und auf den Langstrecken werden zunächst Flugzeuge das Mittel der Wahl sein, um die Impfdosen zügig zu verteilen. Luftfrachtdrehkreuze wie der Fraport in Frankfurt und dessen Kapazitäten werden dabei eine große Rolle spielen. Beide – LKW und Cargoflieger  – müssen beim Transport mit Trockeneis arbeiten. Hier müssen Verzögerungen und Verspätungen unbedingt vermieden werden, da der Impfstoff anderenfalls Schaden nehmen kann. Später kommt auch ein Transport auf dem Schiffswege mit Kühlcontainern in Betracht. Die sogenannten Super-Freezer an Bord können die extrem niedrigen Temperaturen über einen langen Zeitraum gewährleisten.

 

Heutige Notwendigkeiten können morgen schon passe sein

Spannend bleibt auch, wie es mittelfristig weiter geht. Pharma-Unternehmen wie Curevac oder Moderna sollen an Impfstoffen arbeiten, die bei Kühlschranktemperatur gelagert und transportiert werden können. Solche Medikamententransporte sind jahrzehntelang erprobt und können von Pharma-Logistikern problemlos durchgeführt werden. Damit wären Ultra-Tiefkühlschränke, wie sie aktuell für den Impfstoff von Biontech & Pfizer in den Impfzentren und bei den Logistikern gebraucht und angeschafft werden – zumindest im aktuellen Umfang – bald schon überholt. Auch bleibt abzuwarten, wie hoch das Vertrauen und die Akzeptanz in Covid-19-Impfungen in der Bevölkerung sind und welche Kontingente an Impfdosen deutschlandweit tatsächlich beschafft und vorgehalten werden müssen.